die_entmuendigte

Die Entmündigte
Ein Kurzroman von Élise R. Hendrick

Teil I Die Stunde Null Kapitel 6

elisehendrick | 19 Mai, 2008 02:04

"Die haben mich in der Dusche erwischt. Ich war splitternackt!" protestiert Rosa McAlister, bis heute Sozia einer der mächtigsten Großkanzleien in der Stadt.

"Ich hatte Angst, du etwa nicht?"

"Ich hatte keine Ahnung, was los war!"

"Hast du vielleicht diese Riesenknarren nicht gesehn?"

"Was soll das?" fragt eine andere.

"Du Andrea!" kommt eine Stimme von hinten. Die Stimme gehört einer etwa 35jährigen, die, dem $5000-Kostüm nach zu beurteilen, es auch schon in einer dieser Riesensozietäten zur Sozia gebracht hat. "Kommst du mal kurz?"

Gestern noch hätte sie mich und meine Mandanten wie Verseuchte behandelt.

"Was gibt's denn?"

"Es hat sich rumgesprochen, daß du das neue EPsG gelesen hast."

"Stimmt."

"Es läuft hier gerade eine kleine Debatte, und womöglich könntest du zur Klärung einiger Streitfragen beitragen," meint die neben ihr sitzende schick angezogene Kollegin. Ich kenne keine von beiden. Nach ihren Namen frage ich auch nicht.

"Vielleicht. Um was geht's?"

"Also, uns ist schon klar, daß unsere Aktiva, unser Vermögen auf den gesetzlichen Vertreter übergeht. Aber was ist mit den Passiva?"

"Also..."

"Ich habe nämlich vermutet, daß auch sie auf den GV übergehen und aus dem übertragenen Vermögen zu befriedigen sind. Analog zum Nachlaß oder..."

"Aber ich halte es für naheliegend, daß die Passiva einfach gelöscht werden..."

"Aber es muß doch einen wirksamen Gläubigerschutz geben! Es geht hier schließlich um Milliarden."

"Also, die Frage wurde meines Wissens nicht..." sage ich, ehe ich wieder unterbrochen werde.

"Aber es gibt ja viele Frauen, die keine Angehörigen haben, die die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen! Da sind Freiwillige gefragt, und wenn das einen Vermögensnachteil bedeutet, wird sich doch keiner melden..."

"Mensch, deshalb sag ich doch, daß die Verbindlichkeiten nur in der Höhe des übertragenen Vermögens befriedigt werden müßten! Dann verliert der Vormund gar nichts."

"...explizit geregelt..."

Ja, andererseits kann es doch sein, daß er dann nur noch Mehrkosten bekommt. Wer läßt sich denn freiwillig auf sowas ein?"

"Moment mal!" das geht mir langsam auf die Nerven. "Wolltet ihr denn nicht meine Meinung dazu hören?"

"Aber sicher!" sagt die Frau, die mich hierher bestellt hat. "Klar doch!"

"Wir sitzen hier eingesperrt und total entrechtet, von irgendwelchen bewaffneten Arschgeigen überwacht, und ihr wollt einen wirksamen Gläubigerschutz und finanzielle Anreize für unsere Vormunde gewährleisten? Wenn ich heute was gegessen hätte, würde ich jetzt kotzen."

Während ich wieder nach vorne gehe, wenden sich die beiden der Thematik der schwebenden Verfahren zu.

"Mensch Rogelia," sage ich bei meiner Ankunft, "hier wird's schlimm. Hinten läuft 'ne Debatte darüber, wie die neue Gesetzgebung die Interessen aller - außer uns - am besten berücksichtigen kann. So darf's nicht weitergehen."

"Ich hab auch dran gedacht," seufzt Judith, "wollte nicht, aber auf einmal konnte ich nur daran denken. Die Durchführungsverordnung hab ich quasi selbst entworfen."

"Mal herhören", rufe ich. "Keine von uns hat Widerstand geleistet. Ist schon gut. Wir brauchen nicht weiter drüber reden. Ihr müßt euch nicht deswegen schämen. Das gehört jetzt der Vergangenheit an. Da wir schon mal hier eingepfercht sind, sollten wir uns vielleicht überlegen, was wir jetzt machen wollen. Wer mit der gegenwärtigen Situation einverstanden ist, soll sich jetzt bitte melden. Wer sich gern bevormunden und entrechten will lassen, bitte melden!"

Nicht einmal Anna Koulakow meldet sich.

"Ein ziemlich eindeutiges Ergebnis," lächelt Rogelia.

"Na schön. Aber was sollen wir denn machen? Die haben doch schon quasi gewonnen..."

"Wir wollen uns doch nicht niederschießen lassen!"

"Streiken", sagt Rogelia plötzlich, "Wir können streiken!"

Schweigen.

Nach etwa einer Minute meldet sich Rosa McAlister zu Wort. "Vielleicht ist es dir entgangen, Frau Professor, daß wir arbeitslos sind. Welchen Sinn hat es denn bitteschön, das zu verweigern, was sie uns eh schon verboten haben?"

"Weil sie noch auf unsere Dienste angewiesen sind."

"Sollen wir etwa ihre Steuererklärungen ausfüllen?" fragt sie mit ihrem gewohnten Sarkasmus.

"Laß' sie doch ausreden!" verlangt Angelika, deren Hauptaufgabe bis gestern darin bestand, die Bildung von Gewerkschaften zu verhindern.

"Eigentlich brauchen die uns mehr denn je," sage ich nach kurzem Überlegen.

"Aber wozu denn?" wieder Rosa.

"Propaganda," erwidere ich, "Wir haben derzeit einen hohen Propagandawert."

"Es gibt in dieser Stadt ungefähr vier Millionen Frauen. Die können uns unmöglich an einem einzigen Tag alle hoppnehmen," erläutert Judith, die mir einen Schritt voraus ist.

"Stimmt ja! Und heut hat mir doch 'ne Mandantin ihre Ladung fürs V-Gericht gezeigt. Sie muß erst nächste Woche erscheinen."

"Dann sind wir eben die allerersten. Schön für uns!" Rosa würde ich in diesem Moment am liebsten erdrosseln.

"Darf ich vielleicht ausreden? Oder willst du doch einen konstruktiven Beitrag zu dieser Diskussion leisten?"

Endlich hält sie die Klappe.

"Na also!" fahre ich fort, "wenn ich mich nicht gewaltig irre, wird's jede Menge Kameras geben. Wir sollen ins Fernsehen kommen."

"Nach dem Motto: Heute wurden die ersten Frauen unserer Republik von ihren naturwidrigen Rollen befreit. Im Vormundschaftsgericht freuten sie sich sichtbar auf den ihnen gewährten Neubeginn unter der väterlichen Obhut ihrer gesetzlichen Vertreter..."

"Genau", pflichte ich Rogelia bei. "Der Text schreibt sich von selbst..."

"Klar. Und wenn wir uns ohne Widerstand in die väterliche Obhut begeben, werden sich die anderen wohl sagen, der Widerstand sei eh zwecklos..."

"Oder daß es vielleicht gar nicht so schlecht sein könnte, wenn sogar wir uns anstandslos bevormunden lassen," so Juana.

"Daß unser Verhalten für das der übrigen maßgeblich sein wird, ist den Herren bestimmt ganz klar," meint Rogelia.

"Und warum sollten sie auch mit Widerstand rechnen," fragt Rosa, die es endlich begreift, "Bis dato haben wir schließlich gar keinen geleistet!"

"Ich hab 'nen Mordshunger," ertönt es aus der Mitte des Zimmers. Keine Ahnung, wer das gesagt hat.

"Halt doch die Klappe", kommt eine andere Stimme. "Das hier ist wichtig!"

"Daß wir bestimmt schon seit achtzehn Stunden hier sitzen und gar nichts zu essen bekommen haben, da scheißt du drauf, oder wie?"

Haben die denn die Heizung eingeschaltet? Ist doch verdammt heiß hier.

"Damit wolln die..." Rogelias Stimme ist wegen des Fernsehlärms und des inzwischen ganz laut gewordenen Streits kaum zu hören.

"Ruhe!" schreie ich, "Ruhe jetzt, verdammt nochmal! Darf sie endlich zu Wort kommen?"

Ich muß das noch fünfmal sagen, ehe den beiden der Wind ausgeht.

"Danke!", sagt Rogelia, "Also, was ich sagen wollte ist, daß die damit unsere Widerstandskraft schwächen wollen. Der Hunger, der überfüllte Raum, die Hitze, die Schlaflosigkeit. Bis sie uns endlich vorführen sollen wir gar keine Kraft mehr haben."

Jetzt hören wieder alle zu.

Wie bitte? Was ich als erstes gelesen hab? Kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, ehrlich. Das ist ja viele Jahre her. Ach, wahrscheinlich von meiner Mutter. Wie meinen Sie das? Was ich jetzt gern lese oder als Kind? Ach so. Das wissen Sie bestimmt schon längst. Meine Wohnung ist zweifellos gründlich durchsucht worden. Na von mir aus. Simone de Beauvoir, Bakunin, Chomsky...es wäre doch leichter, sie einfach aufzuschreiben. Ach, natürlich nicht! Wer will denn schon in Versuchung geraten? Wär doch fürchterlich. Das war nur so ein Vorschlag. Die Bibel? So'n Zeug les ich nicht. Na, weil's doch Schwachsinn ist. Für sowas hab ich keine...VERDAMMTE SCHEISSE. Mensch, das tut weh. Schon gut. Versteh ich schon. Das ist ja schließlich nicht das erste Mal...

Allgemeines Schweigen. Alle denken darüber nach, was für Forderungen wir geltend machen sollten. Keine Ahnung, was daran so schwierig sein soll.

Angelika Morelli steht auf, zieht sich ihr Kostüm zurecht, und redet so, wie sie es vorher bestimmt vor Vorständen und Aufsichtsräten getan hat.

"Ein Vetorecht," kündigt sie schließlich an. "Wir sollen ein Vetorecht in bezug auf die Vormundszuweisung fordern."

"Vielleicht einfach ein Mitspracherecht. Damit wir dann auch Vorschläge unterbreiten dürfen," meint noch so eine Konzernanwältin.

"Soviel gleich auf einmal?" Den Sarkasmus kann ich mir einfach nicht verbieten.

Rosa entgeht er aber. "Wir wollen doch nicht zuviel verlangen. Eine realistische Verhandlungsgrundlage muß geschafft werden."

Von denen hätte ich wohl nichts anderes erwarten sollen.

"Immerhin ein Anfang," sagt Rogelia diplomatisch.

"Über ein paar Dinge sollten wir uns jetzt im Klaren sein," doziere ich, "Erstens: Mit dieser Aktion setzen wir unsere Leben aufs Spiel. Zweitens: Es gibt keine zweite Chance. Wenn sie unseren Forderungen entsprechen, können wir nachher nicht zum Tisch zurückkehren, wenn wir noch was verlangen wollen, also sollten wir besser aufs Ganze gehn."

"Aber müssen wir nicht zunächst einmal den Beweis erbringen, daß wir bereit sind, vernünftig mit ihnen zu reden?"

"Bullshit ist das," entfährt es plötzlich Anna, die seit mehreren Stunden keinen Laut von sich gegeben hat.

"Über dein Schweigen hatte ich mich doch so unheimlich gefreut!" mault Rosa.

"Laß sie reden," sage ich, und überrasche mich dabei selbst.

"Ich kenne diese Leute, " fährt sie ohne ein Wort an mich fort, "auf sowas werden sie nicht reagieren."

"Könntest du das vielleicht ein bißchen ausführlicher erklären?" fragt Judith.

"Ich hab mit ihnen...für sie gearbeitet. Ich kenne sie besser als jede andere hier. Ich weiß, was sie von Frauen halten."

"Vermutlich nicht gerade viel", unterbricht sie Rogelia mit ihrem schiefen Grinsen.

"Für sie sind die...sind wir Kinder, wenn wir überhaupt als Menschen gelten können, was ja unter denen umstritten ist. Wenn wir ihnen beweisen wollen, daß wir vernünftig verhandeln können, haben wir schon verloren..."

"...denn für die sind wir ja per definitionem irrational," fügt Judith hinzu.

"Eben! Und wir geben ihnen sogar Recht, indem wir nur geringfügige Änderungen verlangen. Dann heißt es: Die haben selbst zugegeben, daß sie Vormunde nötig haben. Sonst hätten die die Abschaffung der Vormundschaft verlangt."

"So seh ich das auch," pflichte ich ihr bei.

"Und unser Publikum dürfen wir auch nicht vergessen."

Jennifer hat recht. Wenn es uns gelingt, mit unserem Streik ins Fernsehen zu kommen, werden wir zu Vorbildern einer Bewegung. Wenn wir mit unseren Forderungen weniger als die vollständige Wiederherstellung unserer Rechte verlangen, werden sich vermutlich andere danach richten, und diese Ordnung akzeptieren. Wir müssen ein klares Signal geben: NICHT MIT UNS!

Letzten Endes stehen unsere Forderungen auf Servietten geschrieben, die jemand in der Tasche gefunden hat. Irgendwie peinlich.

Die Liste endet mit einem Aufruf zum Widerstand gegen alle Maßnahmen "der frauenfeindlichen Verbrecherordnung". Einige haben eine "neutralere" Formulierung gefordert - "Widerstand gegen alle in den letzten Tagen erlassenen Rechtsvorschriften, insbes. das neue Ehe- und Personenstandsgesetz, sowie alle vom Ministerium für Nationale Wiederherstellung erlassenen Verordnungen" - aber am Ende hat sich Judith mit ihrem Text durchgesetzt.

Den Text soll Anna vorlesen, die es gewohnt ist, vor Fernsehkameras aufzutreten. Daß ausgerechnet sie diese Forderungen befürwortet, wird bestimmt einen großen Eindruck machen.

Obwohl ich mangels Armbanduhr keine genauen Angaben machen kann, ist es bestimmt schon Mitternacht. Einige versuchen, wenigstens ein bißchen zu schlafen, aber der inzwischen auf maximale Lautstärke gedrehte Fernseher macht angemessenen Schlaf so gut wie unmöglich.

Ich habe inzwischen Hungerschmerzen. Die Wirkung der Meditationstechniken, die ich für Hungerstreiks gelernt habe, hält sich in Grenzen. Ist ja halt was anderes, wenn der Hunger nicht auf einem freien Willensentschluß beruht. Da hat das Gras bestimmt auch nicht gerade geholfen.

Wie kannst du denn Hunger haben? Du hast doch gerade eine Lasagna gegessen. Mit Provolone, Mozzarella, Parmigiano, Basilikum und diesen köstlichen hausgemachten Nudeln...

Verdammt, das macht es noch schlimmer!

Anna kommt zu mir rüber. Die Augen kann sie kaum aufhalten.

"Paß ma auf," sagt sie nach mehreren Seufzern, "ich wollte dir nur sagen, daß es mir leid tut..."

Anna Koulakow entschuldigt sich? Es gibt doch noch Zeichen und Wunder!

"Ich hätte dich nicht anspucken sollen. Und was ich über dich...und deine Partei...so im Fernsehen gesagt hab...Das war einfach..."

" 'Horde randalierender Unweiber' hab ich besonders gut gefunden," lächele ich.

"Das war einfach total daneben. Und daß ich mich bei den Leuten angebiedert habe,...daß es solche Auswirkungen hätte..."

"Schon gut, schon gut. Ich hätte dich auch nicht so beschimpfen sollen. Meine Wut habe ich auf die falsche Person ausgetragen. Du hattest recht. Wir haben's nicht verhindert..."

"Aber ich hab diese Entwicklung aktiv begünstigt."

"Übertreib's doch nicht. Wenn du dich nicht zur Verfügung gestellt hättest, hätten die bestimmt 'ne andere gefunden, wenn auch nicht mit deinem Talent."

"Ich wünschte mir, ich könnte es alles wiedergutmachen, alles rückgängig machen..."

"Wenn du unseren Text so gut rüberbringst wie damals diese ganze antifeministische Hetze, dann wirst du schon den Schaden wiedergutgemacht haben."

Wir schauen einander in die Augen, und denken uns dabei bestimmt dasselbe:

Daß ich ausgerechnet mit ihr gemeinsame Sache mache. Sachen gibt's!

Nach ein paar Minuten Schweigen sagt sie, "Ich glaube, ich weiß, wie lange wir noch warten müssen..."

"Echt?"

"Ja. Ich denke seit mehreren Stunden drüber nach." Gähnen. "Also, die wollen sich bestimmt die höchstmögliche Zuschauerquote sichern."

Ich nicke.

"Adressaten dieser ganzen Veranstaltung sind doch die Frauen, nich?"

"Klar."

"...die eh schon den ganzen Tag zu Hause sein werden."

"Arbeiten gehn tun die eh nicht mehr."

"...und ohne Geld können die auch nicht einkaufen oder essen gehn."

"Genau."

"Deshalb vermute ich, daß die Sendung gegen Mittag ausgestrahlt wird. Da sind die meisten längst wach und trinken Kaffee im Wohnzimmer."

"Kann gut sein."

"Noch zwölf Stunden also. Wahrscheinlich ein bißchen weniger. Wir müssen ja alle fernsehklar sein, und das dauert."

Noch zwölf Stunden also. Klingt wie eine halbe Ewigkeit.

Schweigen. Wahrscheinlich ist uns allen die Energie ausgegangen. Ich stehe mit Anna vor dem Fenster, und wir schauen zusammen zum Mond hinauf. Draußen scheint's ganz ruhig. Hier in der Stadtmitte ist normalerweise rund um die Uhr was los. Die haben vermutlich eine Polizeistunde verhängt. Ich hasse es, von der Außenwelt abgeschottet zu sein. Vor ein paar Stunden hat eine versucht, den Kanal zu wechseln. Ging aber nicht. Es gibt keine Knöpfe, mit denen wir ihn bedienen könnten. Es wiederholen sich immer dieselben Sendungen. Gebetsstunde für die Frau, die Predigt des Präsidenten, die vermutlich heutige Fernsehansprache des Präsidenten, und zwei oder drei weitere religöse Sendungen, deren ausnahmslos männliche Moderatoren offenbar nichts anderes zu tun haben, als Frauen zu belehren.

Eine ununterbrochene Wiederholung von Phrasen und Parolen. Väterliche Obhut...Blutopfer am Altar des Feminismus...Rückkehr zur natürlichen Lebensart...der Weg Gottes...die göttliche Weiblichkeit...volksfeindliches Emanzentum...Ordnung...Frieden...Jetzt seid ihr frei...die Freuden des christlich verwalteten Haushaltes...

Das kann ich nicht mehr hören. Ich krieg langsam Kopfschmerzen. Das Fernsehgerät würde ich liebend gern zum Fenster rausschmeißen. Wir sind im 15. Stockwerk. Das Teil ist einer dieser alten, schweren Fernseher. Wenn's nicht um Überwachung geht, ist unsere Justiz eben nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik. Das gäbe einen schönen Knall. Könnte für Aufmerksamkeit sorgen, wenn die Polizeistunde schon mal vorbei ist.

Ich sehe mich wieder im Zimmer um. Einigen ist offenbar ein Nickerchen gelungen.Andere sitzen einfach da, starren sprachlos vor sich hin. Jennifer weint im Schweigen. Anna schaut auf den Fußboden. Judith betrachtet mit nachdenklicher Miene den Fernseher. Rogelia hängen die Lider schlaff, aber ihre Augen funkeln. Ob meine noch funkeln? Ich hätte gern einen Spiegel. Wie sehe ich jetzt wohl aus? Vermutlich wie eine erschöpfte, halb verhungerte 45jährige Ex-Juristin, deren Leben und Freiheit von einem ziemlich gefährlichen Schachzug abhängen. Auf gutes Gelingen also!

Was habe ich gestern noch alles gemacht? Um ca. 8 Uhr aufgestanden. Kaffee getrunken. Packung Kippen gekauft. Am Schriftsatz für diese Asylsache rumgeschrieben. Eine für heute geplante gemeinsame Kundgebung mit der Facharbeitergewerkschaft organisiert. Paar Erörterungstermine vor dem Bezirksgericht. Dann hab ich nachher im Aktenkoffer eine merkwürdige Nachricht von Herrn X, meinem Kontakt im Ministerium, gefunden.

HALB 2 FRÜH VOR DER ALTEN DRUCKEREI

ÄUSSERST WICHTIG!

Dann habe ich ein paar Honorarschecks auf mein inzwischen eingefrorenes Konto eingezahlt. Flasche Rotwein gekauft. Mir was zum Abendessen zubereitet. Beim Essen die Auslandspresse gelesen.

Ein stinknormaler Tag also, bis auf diese Nachricht. Nichts als Selbstverständliches. Was wird ab morgen selbstverständlich sein, wenn uns diese Aktion nicht gelingt? Wo werde ich wohnen? Was werde ich jeden Tag machen? Werde ich meine Sachen mitbringen dürfen? Meinen Luxemburg-Band möchte ich nicht missen. Werde ich diese Kolleginnen jemals wiedersehen? Keine Ahnung. Fragen bringt eh nichts.

Merkwürdig. Indem sie uns so entrechtet und entmündigt haben, sind neue gemeinsame Interessen entstanden. Wir gehören keiner Klasse mehr an, keinem Stand. Wir haben kein Geld, kein Vermögen, keine Privilegien mehr. Diese neue Ordnung hat unter uns die tatsächliche Gleichheit herbeigeführt. Da kann ich nur lachen. Von heute auf morgen haben die für mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Kapitalismus abgeschafft. Soviel haben wir in mehr als 100 Jahren nicht geleistet.

Wird diese neuentstandene Solidarität auch der bevorstehenden harten Prüfung standhalten? Die möglichen Bruchstellen sind klar genug. Diese Konzernanwältinnen machen mir große Sorgen. Ihre Elitestellung haben sie vor allem ihrem großen Anpassungsvermögen zu verdanken. In der Schule haben sie sich immer bei ihren Lehrern angebiedert. Sie wurden Klassenbeste. An ihren Elite-Unis wußten sie immer intuitiv, was die Dozenten und Professoren hören wollten. Sie haben mit besten Noten das Studium abgeschlossen. Beruflich haben sie immer den richtigen gefallen, und wurden deshalb rasch befördert.

In Sachen Widerstand sind die gänzlich ungeübt. Sie haben sich stets nach den Bedürfnissen der Machthaber gerichtet. Heute haben sie das meiste verloren, und haben sich doch am schnellsten damit abgefunden.

Was tun, wenn die sich gleich ergeben?

Eine sehr gute Frage, die ich nicht beantworten kann.

"...ist die freudige Unterordnung euer Weg. Die Männer sind eure naturgemäßen Führer. Ohne sie habt ihr Schwierigkeiten ohne Ende. Mit ihnen sind Sicherheit, Schutz, Komfort, Stabilität, und Sorgenfreiheit garantiert..." ertönt es aus diesem verfluchten Fernseher.

Ich setze mich wieder neben Judith.

"Vom Mann im orangefarbenen Anzug sollen wir uns also Vorträge halten lassen. Köstlich!"

"Er schützt dich vor der Ellenbogenwelt des Berufslebens. Er befreit dich von allem, was dich von deinen naturgemäßen Aufgaben als Ehefrau und Mutter abhält. Die Träume deiner Kindheit werden damit endlich Wirklichkeit!"

"Eins muß ich schon sagen," seufzt Judith, "die kennen ihr Publikum."

Ich nicke nur. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

"Scheiße, verdammte!" meldet sich plötzlich eine Stimme aus der Mitte des Zimmers. Ich glaube, sie gehört der Frau, die sich vorhin über ihren Hunger beklagt hat. "Wie konnt ich denn so blöd sein?!"

Sie ist so ziemlich die einzige in diesem Zimmer, deren Gesicht ich überhaupt nicht kenne. Sicherlich keine Konzernanwältin. Ihr Kostüm ist zwar ganz schön, hat aber höchstens $300 gekostet. Ihre elegant gekämmten Haare und ihr geschminktes Gesicht verraten mir, daß sie nicht im Bett oder in der Dusche erwischt wurde.

Bürokratin oder sowas ähnliches.

Langsam kommt sie auf mich zu.

"Was ist denn?" frage ich sie.

"Wie konnte mir das entgehen?"

"Was denn?"

Die Bürokratin heißt Kimberly Schmidt-Hoffmann. Nach ihren Angaben stand sie zuletzt im Solde des Ministeriums für Staatssicherheit. Seit zwei Jahren seien ihr konspirative Besprechungen aufgefallen.

Teil I Die Stunde Null Kapitel 6

elisehendrick | 19 Mai, 2008 02:04

"Die haben mich in der Dusche erwischt. Ich war splitternackt!" protestiert Rosa McAlister, bis heute Sozia einer der mächtigsten Großkanzleien in der Stadt.

"Ich hatte Angst, du etwa nicht?"

"Ich hatte keine Ahnung, was los war!"

"Hast du vielleicht diese Riesenknarren nicht gesehn?"

"Was soll das?" fragt eine andere.

"Du Andrea!" kommt eine Stimme von hinten. Die Stimme gehört einer etwa 35jährigen, die, dem $5000-Kostüm nach zu beurteilen, es auch schon in einer dieser Riesensozietäten zur Sozia gebracht hat. "Kommst du mal kurz?"

Gestern noch hätte sie mich und meine Mandanten wie Verseuchte behandelt.

"Was gibt's denn?"

"Es hat sich rumgesprochen, daß du das neue EPsG gelesen hast."

"Stimmt."

"Es läuft hier gerade eine kleine Debatte, und womöglich könntest du zur Klärung einiger Streitfragen beitragen," meint die neben ihr sitzende schick angezogene Kollegin. Ich kenne keine von beiden. Nach ihren Namen frage ich auch nicht.

"Vielleicht. Um was geht's?"

"Also, uns ist schon klar, daß unsere Aktiva, unser Vermögen auf den gesetzlichen Vertreter übergeht. Aber was ist mit den Passiva?"

"Also..."

"Ich habe nämlich vermutet, daß auch sie auf den GV übergehen und aus dem übertragenen Vermögen zu befriedigen sind. Analog zum Nachlaß oder..."

"Aber ich halte es für naheliegend, daß die Passiva einfach gelöscht werden..."

"Aber es muß doch einen wirksamen Gläubigerschutz geben! Es geht hier schließlich um Milliarden."

"Also, die Frage wurde meines Wissens nicht..." sage ich, ehe ich wieder unterbrochen werde.

"Aber es gibt ja viele Frauen, die keine Angehörigen haben, die die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen! Da sind Freiwillige gefragt, und wenn das einen Vermögensnachteil bedeutet, wird sich doch keiner melden..."

"Mensch, deshalb sag ich doch, daß die Verbindlichkeiten nur in der Höhe des übertragenen Vermögens befriedigt werden müßten! Dann verliert der Vormund gar nichts."

"...explizit geregelt..."

Ja, andererseits kann es doch sein, daß er dann nur noch Mehrkosten bekommt. Wer läßt sich denn freiwillig auf sowas ein?"

"Moment mal!" das geht mir langsam auf die Nerven. "Wolltet ihr denn nicht meine Meinung dazu hören?"

"Aber sicher!" sagt die Frau, die mich hierher bestellt hat. "Klar doch!"

"Wir sitzen hier eingesperrt und total entrechtet, von irgendwelchen bewaffneten Arschgeigen überwacht, und ihr wollt einen wirksamen Gläubigerschutz und finanzielle Anreize für unsere Vormunde gewährleisten? Wenn ich heute was gegessen hätte, würde ich jetzt kotzen."

Während ich wieder nach vorne gehe, wenden sich die beiden der Thematik der schwebenden Verfahren zu.

"Mensch Rogelia," sage ich bei meiner Ankunft, "hier wird's schlimm. Hinten läuft 'ne Debatte darüber, wie die neue Gesetzgebung die Interessen aller - außer uns - am besten berücksichtigen kann. So darf's nicht weitergehen."

"Ich hab auch dran gedacht," seufzt Judith, "wollte nicht, aber auf einmal konnte ich nur daran denken. Die Durchführungsverordnung hab ich quasi selbst entworfen."

"Mal herhören", rufe ich. "Keine von uns hat Widerstand geleistet. Ist schon gut. Wir brauchen nicht weiter drüber reden. Ihr müßt euch nicht deswegen schämen. Das gehört jetzt der Vergangenheit an. Da wir schon mal hier eingepfercht sind, sollten wir uns vielleicht überlegen, was wir jetzt machen wollen. Wer mit der gegenwärtigen Situation einverstanden ist, soll sich jetzt bitte melden. Wer sich gern bevormunden und entrechten will lassen, bitte melden!"

Nicht einmal Anna Koulakow meldet sich.

"Ein ziemlich eindeutiges Ergebnis," lächelt Rogelia.

"Na schön. Aber was sollen wir denn machen? Die haben doch schon quasi gewonnen..."

"Wir wollen uns doch nicht niederschießen lassen!"

"Streiken", sagt Rogelia plötzlich, "Wir können streiken!"

Schweigen.

Nach etwa einer Minute meldet sich Rosa McAlister zu Wort. "Vielleicht ist es dir entgangen, Frau Professor, daß wir arbeitslos sind. Welchen Sinn hat es denn bitteschön, das zu verweigern, was sie uns eh schon verboten haben?"

"Weil sie noch auf unsere Dienste angewiesen sind."

"Sollen wir etwa ihre Steuererklärungen ausfüllen?" fragt sie mit ihrem gewohnten Sarkasmus.

"Laß' sie doch ausreden!" verlangt Angelika, deren Hauptaufgabe bis gestern darin bestand, die Bildung von Gewerkschaften zu verhindern.

"Eigentlich brauchen die uns mehr denn je," sage ich nach kurzem Überlegen.

"Aber wozu denn?" wieder Rosa.

"Propaganda," erwidere ich, "Wir haben derzeit einen hohen Propagandawert."

"Es gibt in dieser Stadt ungefähr vier Millionen Frauen. Die können uns unmöglich an einem einzigen Tag alle hoppnehmen," erläutert Judith, die mir einen Schritt voraus ist.

"Stimmt ja! Und heut hat mir doch 'ne Mandantin ihre Ladung fürs V-Gericht gezeigt. Sie muß erst nächste Woche erscheinen."

"Dann sind wir eben die allerersten. Schön für uns!" Rosa würde ich in diesem Moment am liebsten erdrosseln.

"Darf ich vielleicht ausreden? Oder willst du doch einen konstruktiven Beitrag zu dieser Diskussion leisten?"

Endlich hält sie die Klappe.

"Na also!" fahre ich fort, "wenn ich mich nicht gewaltig irre, wird's jede Menge Kameras geben. Wir sollen ins Fernsehen kommen."

"Nach dem Motto: Heute wurden die ersten Frauen unserer Republik von ihren naturwidrigen Rollen befreit. Im Vormundschaftsgericht freuten sie sich sichtbar auf den ihnen gewährten Neubeginn unter der väterlichen Obhut ihrer gesetzlichen Vertreter..."

"Genau", pflichte ich Rogelia bei. "Der Text schreibt sich von selbst..."

"Klar. Und wenn wir uns ohne Widerstand in die väterliche Obhut begeben, werden sich die anderen wohl sagen, der Widerstand sei eh zwecklos..."

"Oder daß es vielleicht gar nicht so schlecht sein könnte, wenn sogar wir uns anstandslos bevormunden lassen," so Juana.

"Daß unser Verhalten für das der übrigen maßgeblich sein wird, ist den Herren bestimmt ganz klar," meint Rogelia.

"Und warum sollten sie auch mit Widerstand rechnen," fragt Rosa, die es endlich begreift, "Bis dato haben wir schließlich gar keinen geleistet!"

"Ich hab 'nen Mordshunger," ertönt es aus der Mitte des Zimmers. Keine Ahnung, wer das gesagt hat.

"Halt doch die Klappe", kommt eine andere Stimme. "Das hier ist wichtig!"

"Daß wir bestimmt schon seit achtzehn Stunden hier sitzen und gar nichts zu essen bekommen haben, da scheißt du drauf, oder wie?"

Haben die denn die Heizung eingeschaltet? Ist doch verdammt heiß hier.

"Damit wolln die..." Rogelias Stimme ist wegen des Fernsehlärms und des inzwischen ganz laut gewordenen Streits kaum zu hören.

"Ruhe!" schreie ich, "Ruhe jetzt, verdammt nochmal! Darf sie endlich zu Wort kommen?"

Ich muß das noch fünfmal sagen, ehe den beiden der Wind ausgeht.

"Danke!", sagt Rogelia, "Also, was ich sagen wollte ist, daß die damit unsere Widerstandskraft schwächen wollen. Der Hunger, der überfüllte Raum, die Hitze, die Schlaflosigkeit. Bis sie uns endlich vorführen sollen wir gar keine Kraft mehr haben."

Jetzt hören wieder alle zu.

Wie bitte? Was ich als erstes gelesen hab? Kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, ehrlich. Das ist ja viele Jahre her. Ach, wahrscheinlich von meiner Mutter. Wie meinen Sie das? Was ich jetzt gern lese oder als Kind? Ach so. Das wissen Sie bestimmt schon längst. Meine Wohnung ist zweifellos gründlich durchsucht worden. Na von mir aus. Simone de Beauvoir, Bakunin, Chomsky...es wäre doch leichter, sie einfach aufzuschreiben. Ach, natürlich nicht! Wer will denn schon in Versuchung geraten? Wär doch fürchterlich. Das war nur so ein Vorschlag. Die Bibel? So'n Zeug les ich nicht. Na, weil's doch Schwachsinn ist. Für sowas hab ich keine...VERDAMMTE SCHEISSE. Mensch, das tut weh. Schon gut. Versteh ich schon. Das ist ja schließlich nicht das erste Mal...

Allgemeines Schweigen. Alle denken darüber nach, was für Forderungen wir geltend machen sollten. Keine Ahnung, was daran so schwierig sein soll.

Angelika Morelli steht auf, zieht sich ihr Kostüm zurecht, und redet so, wie sie es vorher bestimmt vor Vorständen und Aufsichtsräten getan hat.

"Ein Vetorecht," kündigt sie schließlich an. "Wir sollen ein Vetorecht in bezug auf die Vormundszuweisung fordern."

"Vielleicht einfach ein Mitspracherecht. Damit wir dann auch Vorschläge unterbreiten dürfen," meint noch so eine Konzernanwältin.

"Soviel gleich auf einmal?" Den Sarkasmus kann ich mir einfach nicht verbieten.

Rosa entgeht er aber. "Wir wollen doch nicht zuviel verlangen. Eine realistische Verhandlungsgrundlage muß geschafft werden."

Von denen hätte ich wohl nichts anderes erwarten sollen.

"Immerhin ein Anfang," sagt Rogelia diplomatisch.

"Über ein paar Dinge sollten wir uns jetzt im Klaren sein," doziere ich, "Erstens: Mit dieser Aktion setzen wir unsere Leben aufs Spiel. Zweitens: Es gibt keine zweite Chance. Wenn sie unseren Forderungen entsprechen, können wir nachher nicht zum Tisch zurückkehren, wenn wir noch was verlangen wollen, also sollten wir besser aufs Ganze gehn."

"Aber müssen wir nicht zunächst einmal den Beweis erbringen, daß wir bereit sind, vernünftig mit ihnen zu reden?"

"Bullshit ist das," entfährt es plötzlich Anna, die seit mehreren Stunden keinen Laut von sich gegeben hat.

"Über dein Schweigen hatte ich mich doch so unheimlich gefreut!" mault Rosa.

"Laß sie reden," sage ich, und überrasche mich dabei selbst.

"Ich kenne diese Leute, " fährt sie ohne ein Wort an mich fort, "auf sowas werden sie nicht reagieren."

"Könntest du das vielleicht ein bißchen ausführlicher erklären?" fragt Judith.

"Ich hab mit ihnen...für sie gearbeitet. Ich kenne sie besser als jede andere hier. Ich weiß, was sie von Frauen halten."

"Vermutlich nicht gerade viel", unterbricht sie Rogelia mit ihrem schiefen Grinsen.

"Für sie sind die...sind wir Kinder, wenn wir überhaupt als Menschen gelten können, was ja unter denen umstritten ist. Wenn wir ihnen beweisen wollen, daß wir vernünftig verhandeln können, haben wir schon verloren..."

"...denn für die sind wir ja per definitionem irrational," fügt Judith hinzu.

"Eben! Und wir geben ihnen sogar Recht, indem wir nur geringfügige Änderungen verlangen. Dann heißt es: Die haben selbst zugegeben, daß sie Vormunde nötig haben. Sonst hätten die die Abschaffung der Vormundschaft verlangt."

"So seh ich das auch," pflichte ich ihr bei.

"Und unser Publikum dürfen wir auch nicht vergessen."

Jennifer hat recht. Wenn es uns gelingt, mit unserem Streik ins Fernsehen zu kommen, werden wir zu Vorbildern einer Bewegung. Wenn wir mit unseren Forderungen weniger als die vollständige Wiederherstellung unserer Rechte verlangen, werden sich vermutlich andere danach richten, und diese Ordnung akzeptieren. Wir müssen ein klares Signal geben: NICHT MIT UNS!

Letzten Endes stehen unsere Forderungen auf Servietten geschrieben, die jemand in der Tasche gefunden hat. Irgendwie peinlich.

Die Liste endet mit einem Aufruf zum Widerstand gegen alle Maßnahmen "der frauenfeindlichen Verbrecherordnung". Einige haben eine "neutralere" Formulierung gefordert - "Widerstand gegen alle in den letzten Tagen erlassenen Rechtsvorschriften, insbes. das neue Ehe- und Personenstandsgesetz, sowie alle vom Ministerium für Nationale Wiederherstellung erlassenen Verordnungen" - aber am Ende hat sich Judith mit ihrem Text durchgesetzt.

Den Text soll Anna vorlesen, die es gewohnt ist, vor Fernsehkameras aufzutreten. Daß ausgerechnet sie diese Forderungen befürwortet, wird bestimmt einen großen Eindruck machen.

Obwohl ich mangels Armbanduhr keine genauen Angaben machen kann, ist es bestimmt schon Mitternacht. Einige versuchen, wenigstens ein bißchen zu schlafen, aber der inzwischen auf maximale Lautstärke gedrehte Fernseher macht angemessenen Schlaf so gut wie unmöglich.

Ich habe inzwischen Hungerschmerzen. Die Wirkung der Meditationstechniken, die ich für Hungerstreiks gelernt habe, hält sich in Grenzen. Ist ja halt was anderes, wenn der Hunger nicht auf einem freien Willensentschluß beruht. Da hat das Gras bestimmt auch nicht gerade geholfen.

Wie kannst du denn Hunger haben? Du hast doch gerade eine Lasagna gegessen. Mit Provolone, Mozzarella, Parmigiano, Basilikum und diesen köstlichen hausgemachten Nudeln...

Verdammt, das macht es noch schlimmer!

Anna kommt zu mir rüber. Die Augen kann sie kaum aufhalten.

"Paß ma auf," sagt sie nach mehreren Seufzern, "ich wollte dir nur sagen, daß es mir leid tut..."

Anna Koulakow entschuldigt sich? Es gibt doch noch Zeichen und Wunder!

"Ich hätte dich nicht anspucken sollen. Und was ich über dich...und deine Partei...so im Fernsehen gesagt hab...Das war einfach..."

" 'Horde randalierender Unweiber' hab ich besonders gut gefunden," lächele ich.

"Das war einfach total daneben. Und daß ich mich bei den Leuten angebiedert habe,...daß es solche Auswirkungen hätte..."

"Schon gut, schon gut. Ich hätte dich auch nicht so beschimpfen sollen. Meine Wut habe ich auf die falsche Person ausgetragen. Du hattest recht. Wir haben's nicht verhindert..."

"Aber ich hab diese Entwicklung aktiv begünstigt."

"Übertreib's doch nicht. Wenn du dich nicht zur Verfügung gestellt hättest, hätten die bestimmt 'ne andere gefunden, wenn auch nicht mit deinem Talent."

"Ich wünschte mir, ich könnte es alles wiedergutmachen, alles rückgängig machen..."

"Wenn du unseren Text so gut rüberbringst wie damals diese ganze antifeministische Hetze, dann wirst du schon den Schaden wiedergutgemacht haben."

Wir schauen einander in die Augen, und denken uns dabei bestimmt dasselbe:

Daß ich ausgerechnet mit ihr gemeinsame Sache mache. Sachen gibt's!

Nach ein paar Minuten Schweigen sagt sie, "Ich glaube, ich weiß, wie lange wir noch warten müssen..."

"Echt?"

"Ja. Ich denke seit mehreren Stunden drüber nach." Gähnen. "Also, die wollen sich bestimmt die höchstmögliche Zuschauerquote sichern."

Ich nicke.

"Adressaten dieser ganzen Veranstaltung sind doch die Frauen, nich?"

"Klar."

"...die eh schon den ganzen Tag zu Hause sein werden."

"Arbeiten gehn tun die eh nicht mehr."

"...und ohne Geld können die auch nicht einkaufen oder essen gehn."

"Genau."

"Deshalb vermute ich, daß die Sendung gegen Mittag ausgestrahlt wird. Da sind die meisten längst wach und trinken Kaffee im Wohnzimmer."

"Kann gut sein."

"Noch zwölf Stunden also. Wahrscheinlich ein bißchen weniger. Wir müssen ja alle fernsehklar sein, und das dauert."

Noch zwölf Stunden also. Klingt wie eine halbe Ewigkeit.

Schweigen. Wahrscheinlich ist uns allen die Energie ausgegangen. Ich stehe mit Anna vor dem Fenster, und wir schauen zusammen zum Mond hinauf. Draußen scheint's ganz ruhig. Hier in der Stadtmitte ist normalerweise rund um die Uhr was los. Die haben vermutlich eine Polizeistunde verhängt. Ich hasse es, von der Außenwelt abgeschottet zu sein. Vor ein paar Stunden hat eine versucht, den Kanal zu wechseln. Ging aber nicht. Es gibt keine Knöpfe, mit denen wir ihn bedienen könnten. Es wiederholen sich immer dieselben Sendungen. Gebetsstunde für die Frau, die Predigt des Präsidenten, die vermutlich heutige Fernsehansprache des Präsidenten, und zwei oder drei weitere religöse Sendungen, deren ausnahmslos männliche Moderatoren offenbar nichts anderes zu tun haben, als Frauen zu belehren.

Eine ununterbrochene Wiederholung von Phrasen und Parolen. Väterliche Obhut...Blutopfer am Altar des Feminismus...Rückkehr zur natürlichen Lebensart...der Weg Gottes...die göttliche Weiblichkeit...volksfeindliches Emanzentum...Ordnung...Frieden...Jetzt seid ihr frei...die Freuden des christlich verwalteten Haushaltes...

Das kann ich nicht mehr hören. Ich krieg langsam Kopfschmerzen. Das Fernsehgerät würde ich liebend gern zum Fenster rausschmeißen. Wir sind im 15. Stockwerk. Das Teil ist einer dieser alten, schweren Fernseher. Wenn's nicht um Überwachung geht, ist unsere Justiz eben nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik. Das gäbe einen schönen Knall. Könnte für Aufmerksamkeit sorgen, wenn die Polizeistunde schon mal vorbei ist.

Ich sehe mich wieder im Zimmer um. Einigen ist offenbar ein Nickerchen gelungen.Andere sitzen einfach da, starren sprachlos vor sich hin. Jennifer weint im Schweigen. Anna schaut auf den Fußboden. Judith betrachtet mit nachdenklicher Miene den Fernseher. Rogelia hängen die Lider schlaff, aber ihre Augen funkeln. Ob meine noch funkeln? Ich hätte gern einen Spiegel. Wie sehe ich jetzt wohl aus? Vermutlich wie eine erschöpfte, halb verhungerte 45jährige Ex-Juristin, deren Leben und Freiheit von einem ziemlich gefährlichen Schachzug abhängen. Auf gutes Gelingen also!

Was habe ich gestern noch alles gemacht? Um ca. 8 Uhr aufgestanden. Kaffee getrunken. Packung Kippen gekauft. Am Schriftsatz für diese Asylsache rumgeschrieben. Eine für heute geplante gemeinsame Kundgebung mit der Facharbeitergewerkschaft organisiert. Paar Erörterungstermine vor dem Bezirksgericht. Dann hab ich nachher im Aktenkoffer eine merkwürdige Nachricht von Herrn X, meinem Kontakt im Ministerium, gefunden.

HALB 2 FRÜH VOR DER ALTEN DRUCKEREI

ÄUSSERST WICHTIG!

Dann habe ich ein paar Honorarschecks auf mein inzwischen eingefrorenes Konto eingezahlt. Flasche Rotwein gekauft. Mir was zum Abendessen zubereitet. Beim Essen die Auslandspresse gelesen.

Ein stinknormaler Tag also, bis auf diese Nachricht. Nichts als Selbstverständliches. Was wird ab morgen selbstverständlich sein, wenn uns diese Aktion nicht gelingt? Wo werde ich wohnen? Was werde ich jeden Tag machen? Werde ich meine Sachen mitbringen dürfen? Meinen Luxemburg-Band möchte ich nicht missen. Werde ich diese Kolleginnen jemals wiedersehen? Keine Ahnung. Fragen bringt eh nichts.

Merkwürdig. Indem sie uns so entrechtet und entmündigt haben, sind neue gemeinsame Interessen entstanden. Wir gehören keiner Klasse mehr an, keinem Stand. Wir haben kein Geld, kein Vermögen, keine Privilegien mehr. Diese neue Ordnung hat unter uns die tatsächliche Gleichheit herbeigeführt. Da kann ich nur lachen. Von heute auf morgen haben die für mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Kapitalismus abgeschafft. Soviel haben wir in mehr als 100 Jahren nicht geleistet.

Wird diese neuentstandene Solidarität auch der bevorstehenden harten Prüfung standhalten? Die möglichen Bruchstellen sind klar genug. Diese Konzernanwältinnen machen mir große Sorgen. Ihre Elitestellung haben sie vor allem ihrem großen Anpassungsvermögen zu verdanken. In der Schule haben sie sich immer bei ihren Lehrern angebiedert. Sie wurden Klassenbeste. An ihren Elite-Unis wußten sie immer intuitiv, was die Dozenten und Professoren hören wollten. Sie haben mit besten Noten das Studium abgeschlossen. Beruflich haben sie immer den richtigen gefallen, und wurden deshalb rasch befördert.

In Sachen Widerstand sind die gänzlich ungeübt. Sie haben sich stets nach den Bedürfnissen der Machthaber gerichtet. Heute haben sie das meiste verloren, und haben sich doch am schnellsten damit abgefunden.

Was tun, wenn die sich gleich ergeben?

Eine sehr gute Frage, die ich nicht beantworten kann.

"...ist die freudige Unterordnung euer Weg. Die Männer sind eure naturgemäßen Führer. Ohne sie habt ihr Schwierigkeiten ohne Ende. Mit ihnen sind Sicherheit, Schutz, Komfort, Stabilität, und Sorgenfreiheit garantiert..." ertönt es aus diesem verfluchten Fernseher.

Ich setze mich wieder neben Judith.

"Vom Mann im orangefarbenen Anzug sollen wir uns also Vorträge halten lassen. Köstlich!"

"Er schützt dich vor der Ellenbogenwelt des Berufslebens. Er befreit dich von allem, was dich von deinen naturgemäßen Aufgaben als Ehefrau und Mutter abhält. Die Träume deiner Kindheit werden damit endlich Wirklichkeit!"

"Eins muß ich schon sagen," seufzt Judith, "die kennen ihr Publikum."

Ich nicke nur. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

"Scheiße, verdammte!" meldet sich plötzlich eine Stimme aus der Mitte des Zimmers. Ich glaube, sie gehört der Frau, die sich vorhin über ihren Hunger beklagt hat. "Wie konnt ich denn so blöd sein?!"

Sie ist so ziemlich die einzige in diesem Zimmer, deren Gesicht ich überhaupt nicht kenne. Sicherlich keine Konzernanwältin. Ihr Kostüm ist zwar ganz schön, hat aber höchstens $300 gekostet. Ihre elegant gekämmten Haare und ihr geschminktes Gesicht verraten mir, daß sie nicht im Bett oder in der Dusche erwischt wurde.

Bürokratin oder sowas ähnliches.

Langsam kommt sie auf mich zu.

"Was ist denn?" frage ich sie.

"Wie konnte mir das entgehen?"

"Was denn?"

Die Bürokratin heißt Kimberly Schmidt-Hoffmann. Nach ihren Angaben stand sie zuletzt im Solde des Ministeriums für Staatssicherheit. Seit zwei Jahren seien ihr konspirative Besprechungen aufgefallen.

Teil I-Die Stunde Null-Kapitel 5

elisehendrick | 12 Mai, 2008 01:56

Eine etwas jüngere Frau kommt von ganz hinten auf uns zu. "Frau Professor Prats! Sind Sie das?"

"Die hatte bei mir Feministische Judikatur," flüstert mir Rogelia ins Ohr, "keine Ahnung mehr, wie die heißt."

Die junge Frau ist höchstens 25 Jahre alt. Vermutlich hat sie gerade diesen Sommer ihren Abschluss gemacht und paukt seither fleißig für das Zulassungsexamen.

"Sind Sie nicht Dr. Olivetti?" fragt sie mich, "ich hab grad angefangen, Ihr Buch zu lesen!"

"Unter den Umständen kannst du mich gern mit Andrea anreden. Mein Titel ist derzeit nicht gerade viel wert, und mein Buch wird's wahrscheinlich auch nicht mehr lange geben. Du hättest es doch mitbringen sollen. Mit Autogramm könnte so eine Letztauflage viel wert sein."

"Also, es ist mir halt 'ne richtige Ehre, Sie kennenlernen zu dürfen. Einfach genial."

Das hat mir gerade gefehlt. Die Kleine versteht rein gar nichts. Glaubt sie etwa, daß wir auf einem Kongreß seien? Daß das hier ein Vorstellungsgespräch sei? Sie schwätzt weiter und ich nicke ihr alle paar Sekunden höflich zu. Selbst unter normalen Umständen kann ich diese Ehrerbieterei kaum ausstehen. Im Hier und Jetzt klingt es nur noch nach Hohn und Spott. Dem Gelabber entnehme ich, daß sie Jennifer Biermann heißt und seit dem Abschluß bei einem Bundesrichter als Referendarin arbeitet.

"Sehr angenehm", sage ich.

Ich weiß nicht, wer mir mehr leid tut. Die versammelten Kolleginnen und Richterinnen, deren jahrelanger beruflicher Aufstieg einfach so für nicht existent erklärt worden ist, oder dieses Mädel, das nie so richtig wissen wird, was es verloren hat. Eigentlich beneide ich sie sogar darum. Sie hatte viel weniger zu verlieren. Geld hatte sie eh nicht. Studenten sind immer pleite. Ein eigenes Haus hatte sie auf keinen Fall. Studentenwohnheim oder irgendso eine ghettomäßige Wohnung im Univiertel. Wenn sie nicht immer noch bei ihren Eltern wohnt. Sie hat nur ihre Schulden zu verlieren. Alles andere hatte sie noch gar nicht. Schwein gehabt.

Rogelia fällt nichts anderes zu sagen ein als "Jennifer, es tut mir so unendlich leid."

Aber Jennifer hört kein Wort. Stattdessen erzählt sie von ihrem Referendariat. Urteile verfassen, Dokumente analysieren, Schriftsätze lesen, sogar recherchieren. Es macht ihr alles sehr viel Spaß. Ihr Richter habe ihr neulich gesagt, daß ihre Analyse für eine seiner Entscheidungen maßgeblich gewesen sei. Ihren Stolz kann ich ihr gar nicht übelnehmen. Ich weiß selber noch, wie das damals war, als ich mich zum allerersten Male wie eine richtige Juristin gefühlt habe. Aber das halte ich nicht mehr aus.

"Jennifer," unterbreche ich sie sanft, "also, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Das ist absolut nichts gegen dich. Wirklich. Es freut mich, daß dir mein Buch so gut gefällt, und daß dir dein Referendariat Spaß gemacht hat. Sehr sogar. Und daß es dir 'ne Ehre ist, mich kennenzulernen, will ich dir auch nicht nehmen." Seufzer. "Aber ich frag mich langsam, ob dir eigentlich klar ist, was hier läuft."

"Ja," erwidert sie. Ich schaue ihr in die Augen und lege ihr meine Hand auf die Schulter. "Und ich hab da eine Idee, wie wir das anfechten können. Ich glaube, daß eine negative Feststellungsklage der geeignete Weg ist. Wir verlangen einfach eine gerichtliche Feststellung, daß diese Behandlung einen Verstoß sowohl gegen die Verfassung als auch gegen einfaches Bundesrecht darstellt. Mit einer einstweiligen Verfügung kriegen wir dann zwischenzeitlich wieder Zugang zu unserem Vermögen." Zum Schluß lächelt sie uns stolz an.

Jetzt heule ich wieder. Rogelia kniet zu mir nieder, und zwischen Schluchzern sage ich ihr "Gar nichts versteht sie, rein gar nichts!"


Jennifer errötet und schaut weg. Ob es daran liegt, daß sie die Situation endlich begreift? Oder fühlt sie sich bloß von mir gedemütigt?

"Jennifer, hör mal zu." Ich will sie schließlich nicht angreifen. Vielleicht macht sie nur auf tapfer, weil sie vor sovielen Kolleginnen keine Angst eingestehen will. Kann ich auch verstehen. "Ich möchte dem soeben Gesagten noch was hinzufügen. Hörst du mir zu? Deine Analyse der rechtlichen Gesichtspunkte ist zutreffend. Auf die Idee einer Feststellungsklage in Verbindung mit einem Antrag auf EV war ich auch gekommen. Grundsätzlich halt ich das eben für den richtigen Weg."

Jetzt hört sie wieder zu. Sie lächelt sogar ein bißchen. Mensch, die ist so verdammt jung!

"Echt jetzt?"

"Ja. Ganz ehrlich. Ich vermute, daß die Hälfte der hier Anwesenden die rechtlichen Gesichtspunkte genauso gewürdigt hätte. Du warst bestimmt eine verdammt gute Referendarin, und wärst wahrscheinlich auch noch eine hervorragende Anwältin geworden. Vielleicht wirst du's noch, wenn diese jetzige Schweinerei hinreichend kurzlebig ist. Na, Rogelia?"

"Ganz deiner Meinung," pflichtet sie mir bei.

"Also, die Gerichte sind nie hundertprozentig unabhängig. Sie werden von allgemeinen sozialen Tendenzen und Machtkonzentrationen beeinflusst. Ist dir wohl auch klar, ne? Im Augenblick ist uns deshalb der Rechtsweg völlig versperrt. Ich weiß nicht, wieviel du davon schon mitgekriegt hast, aber Frauen sind hierzulande nicht mehr prozeßfähig. Wir können nicht einfach unsere Rechte einklagen, wie wir's gestern noch getan hätten. Denn diese Rechte haben wir nicht."

Jennifer sagt kein Wort. Sie nickt mir nur zu. Jetzt versteht sie, worum's geht.

"Das heißt aber nicht, daß es gar keinen Ausweg gibt. Einen Ausweg wird es schon geben. Wir müssen uns halt was einfallen lassen."

"Verstehe."

"Aber fürs erste hör bloß auf, mich zu Siezen. Das tut weh und hilft gar nicht. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß wir unter normalen Umständen hier sind."

Rogelia holt etwas aus der Jackentasche. Auf den ersten Blick sieht's aus wie eine Zigarette. Während sie es anzündet, merke ich aber, daß es eine Tüte ist. Mensch, das riecht aber schön.

"Darf ich mal dran ziehn?" frage ich.

Juana, bis heute stellvertretende Staatsanwältin, schaut uns dabei zu. Rogelia reicht mir die Tüte. Das tut gut. Sehr sogar.

"Danke", mault Juana. "Ganze fünf Minuten hatte ich vergessen, was heut passiert ist."

Dabei hatte ich vergessen, daß wir in Anwesenheit der für Betäubungsmitteldelikte zuständigen Staatsanwältin kiffen.

Merkwürdig, denke ich, früher hab ich bei ihrem Anblick immer nur die Staatsmacht gesehen. So schnell hat sich mein mentales Bild von ihr ihrer neuen Rechtsstellung angepaßt.

Ich wende mich lachend an Rogelia.

"Rechtsstellung", sag ich ihr, "köstliches Wort. Ganz passend."

"Was?" fragt sie, während sie mir die Tüte abnimmt.

"Rechtsstellung," erwidere ich, "Rechts. Stellung. Recht und Stellung."

""Du redest wirres Zeug. Ich glaub, du hast schon genug gekifft."

"Recht. Stellung. Siehst du's nicht? Die haben das Recht, und gebrauchen es dazu, uns dort hinzustellen, wo sie uns haben wollen."

Jetzt lacht sie auch, obwohl meine Bemerkung gar nicht so witzig war.

Die ehemalige stellvertretende Staatsanwältin für BtM-Delikte Juana Álvarez sagt nur, "Gib ma her!"

Zum erstenmal in einer ganzen Weile meldet sich auch Judith zu Wort.

"Ob unser lieber Präsident es sich so vorgestellt hat? Eine Rechtsanwältin und eine Professorin kiffen mit einer Staatsanwältin in Gegenwart einer Strafrichterin!"

"Von der Verfolgung werdet ihr doch absehen, oder?" fragt Rogelia.

"Als Tatzeugin und Mittäterin müßten wir uns eh ablehnen," lacht sie. Ist das Bitterkeit? Egal. Mit einer Geste macht Judith Henkel, Richterin der 1. Strafkammer, klar, daß auch sie sich an der Tat beteiligen möchte.

"Bittesehr," sagt Rogelia, die inzwischen Riesenpupillen hat.

"Hab seit den frühen Neunzigern nicht mehr gekifft," sagt sie voller Reue.

"Das sind dreißig Jahre!" entfährt es mir.

"Wißt ihr," redet Judith weiter, "ich hab so vieles aufgegeben, auf so vieles verzichtet, nur um mir diese Scheiß-Richterlaufbahn zu sichern."

"Hat's sich auch gelohnt?" fragt Juana.

"Mann ey, warum habt ihr mir nicht erzählt, daß ich so große Hände hab?!" sage ich.

"Das Kiffen. Das Schreiben. Mein politisches Engagement. Wißt ihr, ich war damals auch total links drauf. Hatte sogar ein Manifest verfaßt. Hab alle Kopien davon vernichten lassen, als mir klar wurde, daß das meine Chancen gefährden könnte."

"Judith, das wußte ich gar nicht!"

"Dann hatte ich eben Erfolg mit meinen Säuberungsmaßnahmen!" faucht sie.

Juana zieht wieder an der Tüte.

"Du hattest Recht, Andrea. Du hattest schon immer Recht."

"Das freut mich," lächele ich. "Geht's auch etwas konkreter?"

"Wegen unserer Anklagepraktiken. Du hattest immer unterstellt, daß deine Mandanten eigentlich wegen ihrer politischen Einstellung angeklagt wurden. Ich habe immer gelogen. Eine unglaubliche Unterstellung! Einfach unerhört! Immer so 'n Scheiß. Dabei hattest du immer Recht."

"Jetzt ist es eh scheißegal."

"Habt ihr euch schon gefragt," gibt Jennifer in die Runde, "wie unser Leben jetzt aussehen wird?"

"Och, keine Ahnung," sage ich. "Für euch ist es viel leichter abzusehen, für dich und Rogelia, mein ich."

"Wieso?"

"Du ziehst wieder zu deinen Eltern und sie zieht wieder zu ihrem ehemaligen Ex-Mann."

"Wobei er eigentlich ein ganz netter Kerl ist," fügt letztere hinzu, "wir haben uns nur scheiden lassen, weil ich 'ne Lesbe bin."

"Ich aber habe nie geheiratet. Mein Vater ist tot, und ich habe gar keine männlichen Anverwandten, die noch leben. Somit liegt's im Ermessen des Gerichts, bei wem ich lande. Wie mein Leben aussehen wird, wird drauf ankommen, wen ich als Vormund verpaßt bekomm."

Die Tüte ist bald zu Ende. Draußen wird's schon dunkel.

"Im neuen EPsG heißt es, daß das Nähere von einer vom Wiederherstellungsministerium zu erlassenden Verordnung geregelt wird. Die hab ich leider nicht sehen können. Selbst mein Kontakt im Ministerium wußte nur, daß es die gibt."

"Einen Kontakt im Ministerium hast du?" fragt Jennif